Œuvre

Das grafische Werk II

Das grafische Werk I   Das grafische Werk II

Dann drängt sich Hofers ureigenstes Thema in den Mittelpunkt seines Interesses: die menschliche Figur. „1902 tritt das Figürliche in den Vordergrund. ‚Mutter und Kind‘ [..] und die beiden Akte [..] sind größer und unmittelbarer gesehen als alles, was Hofer bisher radiert hat. Das Vorbild seines Lehrer Kalkreuth wird deutlich, dessen Meisterschüler Hofer damals in Stuttgart gewesen ist (1902-1903).“ [5]

 
„Mit dem ‚Stehenden Weib‘ nimmt er, wenigsten allgemein, die künstlerische Thematik vorweg, die ihn während seiner römischen Zeit (1903-1908) so gut wie ausschließlich beschäftigen sollte.“ [6]


In den Jahren 1908 bis 1917 entstehen aus den unterschiedlichsten Gründen keine grafischen Werke. Das Hauptinteresse des Künstlers gilt der Malerei. Hofers Aufenthalte in Rom und Paris fallen in diese Periode, aber auch die Zwangsinternierung in Frankreich. 
Nach seiner Entlassung lebt er für eine kurze Zeit in der Schweiz und kehrt 1919 nach Berlin zurück. Dort bringen die Jahre 1922 und 1923 eine betont schöpferische Phase im grafischen Werk.
Inhaltlich beschäftigt er sich dabei mit Themen, für die seine Malerei als Vorbild gelten kann, entwickelt aber auch unabhängiger davon Motive um Mädchen- und Frauengestalten. Er illustriert Liebesgedichte von Adolf von Hatzfeld, ohne sich dabei der literarischen Vorlage auszuliefern.

Und immer wieder zeigt Hofer Menschen in innerer und äußerer Bedrängnis, gesehen mit einem desillusionierten Blick auf die menschliche Existenz. Die Bedrohung und „Entlarvung des Menschlichen“; bildnerisch fixiert an einer Verdrängung der klaren Figurengestalt, ja, bis zu deren Verwandlung in tierhafte, deformierte Wesen. 

1933 gibt Hofer die Technik des Radierens endgültig auf. Es ist die Lithographie, die bleibt. Für ihn beginnt eine schwierige Zeit: die Nationalsozialisten belegen ihn mit einem Ausstellungsverbot.



Aber auch jetzt entstehen einige Lithographien. Allerdings zeigen diese, künstlerisch betrachtet, keine Weiterentwicklung. Die Arbeiten in den vierziger Jahren und nach dem zweiten Weltkrieg scheinen an zuvor Erreichtes anknüpfen zu wollen. 


Doch wie in seiner Malerei münden nunmehr Hofers traurig-nüchterne Lebenserfahrungen in melancholische „Menschen-Bilder“ voller Leid und verlorener Illusionen. Geäußert in der Formensprache des Spätwerks, die gerade ein Verlieren der integrierenden, menschlichen Gestaltform, ihre Verwandlung und Auflösung konstatiert. 

„Die Form wird ruinös, scheint zu zerfallen, preisgegeben einer Wirklichkeit, der sie nicht mehr standzuhalten vermag. Auch die Menschen sind Opfer solcher Umwelt, Erschrockenen und Betroffene, die um ihren Verlust wissen, dieses Leben aber noch ertragen, ‚weil es gelassen verschmäht uns zu zerstören‘ (Rilke). Daher die Trauer und ein Wissen in diesen Gesichtern, die nur noch einen Rest ihres Seins bewahren.“ [7]



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[5]-[7] sämtliche Zitate von Kurt Martin, aus: Ernst Rathenau: Karl Hofer - Das graphische Werk.

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